Erst planen, dann rausrotzen – so schreibt man schnell gute Texte

„Schreiben unter Zeitdruck“ lautete der Titel eines zweitägigen Seminars an der Hamburger Akademie für Publizistik, das ich vergangene Woche besucht habe. Ich bin sehr zufrieden mit dem Seminar, denn ich habe ein paar tolle neue Impulse bekommen, die den Schreibfluss verbessern.

Wer schnell möglichst gute Texte schreiben möchte, die Leserinnen und Leser nicht gleich wieder beiseite legen, dem kann ich dieses Seminar mit dem Journalisten und Schreibtrainer Steffen Sommer nur empfehlen. Ich hielt mich zwar schon vor dieser Fortbildung für eine halbwegs fixe Schreiberin, doch es hilft nun einmal, von Zeit zu Zeit die eigene Arbeitsweise zu reflektieren, sich Gedanken über Textdramaturgie zu machen, eigene und fremde Texte zu analysieren und den sprachlichen Feinschliff zu trainieren.

Küchenzuruf – Teaser – Gliederung – Rausrotzen – Feinschliff

Die wichtigste Erkenntnis des Seminars war mir im Grunde nicht neu: Ein ausformulierter Küchenzuruf, ein toller Teaser und eine gute Gliederung sind die halbe Miete, wenn nicht sogar mehr. Unbekannt und daher ungewohnt war für mich hingegen die Empfehlung, den geplanten Text – immer an der Leitplanke der Gliederung entlang hangelnd – danach einfach „rauszurotzen“. Einfach losschreiben, ohne über Rechtschreibung und Zeichensetzung nachzudenken, ohne zurückzublicken und zwischendurch zu korrigieren. Der sprachliche Feinschliff kommt später.

Einen Text einfach rauszurotzen, fällt vielen Schreibprofis schwer. Doch bei den praktischen Übungen im Seminar habe ich gelernt, dass tatsächlich gute Texte dabei herauskommen können, wenn man einfach drauflos schreibt, ohne innezuhalten. In unseren Übungen ging zunächst es nicht um Texte zu konkreten Themen, sondern erst einmal um den Schreibprozess selbst. Eine Aufgabe lautete: Du hast 10 Minuten, um aus diesem ersten Satz eine Geschichte zu erzählen. Schreibe einfach drauf los. Was mir in einem früheren Seminar zum kreativen Schreiben überhaupt nicht gelungen war, klappte auf einmal wie am Schnürchen. Hier einmal der Text, der mir bei dieser Schreibübung einfach so aus den Fingern geschlüpft ist:

Arthur lag in der Hängematte, als Sophie durch das Loch im Zaun zu ihm in den Garten schlüpfte. Das kleine Mädchen hatte ihn offenbar schon eine ganze Weile beobachtet, wie er sacht in seiner Hängematte hin und herschaukelte und in die Sonne blinzelte. Die Sonnenbrille war ihm ein wenig von der Nase gerutscht, sein Stirnhaar vom Schweiß strähnig geworden. Warum liegst du da in der Hängematte, fragte die Kleine. Sie mochte etwa fünf Jahre alt sein. Ihre roten Haare leuchteten mit den Geranien um die Wette. Arthur grunzte unwillig. Er mochte nicht gestört werden. Erst recht nicht von so einem kleinen Gör, das vermutlich noch viele weitere Fragen stellen würde, die mit Warum beginnen. Ich möchte heute einfach etwas faul sein, sagte Arthur und hoffte, die Kleine würde sich damit zufrieden geben. Wie es zu erwarten war, tat sie genau das nicht. Bist du sonst nicht so faul wie heute? Fragte Sophie neugierig. Ich habe dich nämlich schon öfters hier so in der Hängematte liegen gesehen. Arthur wurde die Sache langsam unangenehm. Da kam dieses Mädchen vom Nachbargrundstück durch den zaun geschlüpft und stellte ihm Fragen. Es ging sie doch überhaupt nichts an, dass Arthur vor zwei Wochen seinen Job verloren und seiner Frau noch nicht davon erzählt hatte. Jeden Morgen verließ er seither das Haus zur gewohnten Zeit, als ginge er weiterhin brav zur Arbeit. Dabei hatte ihn sein Chef gefeuert. Einfach entlassen, nach 20 Jahren Arbeit hinter dem Bäckertresen. ER war immer freundlich zu den Kunden gewesen, hatte den Laden nach Betriebsschluss ordentlich ausgefegt. Und nun wurden seine Dienste nicht mehr gewünscht. Der Chef wollte jüngere Mitarbeiter hinter dem Tresen sehen. Junge Mädchen am liebsten, die noch keinen Bauch vor sich herschoben, die knackig und dynamisch aussahen, auch wenn die weißen Billigbrötchen in diesem Laden nun wirklich nicht dazu beitrugen, eine schlanke Figur zu behalten. Es war ihm peinlich gewesen, seiner Frau davon zu erzählen. Die lag ihm ohnehin immer in den Ohren: Warum meldest du dich nicht mal im Fitnessstudio an? Warum frischst du nicht einmal dein Englisch auf? Warum peppst du nicht einmal deine Klamotten ein bisschen auf? Er spürte genau: Sie mochte ihn nicht mehr. Und die Tatsache, dass er nun keinen Job mehr hatte, würde ganz sicher nicht dazu beitragen, dass sie ihn wieder smypathischer fand. Also verließ er morgens das Haus, bog aus der Reihenhaussiedlung afu die Hauptstraße und steuerte auf die Bushaltestelle zu. Den Bus bestieg er allerdings nie, denn er wusste, dass seine Frau in der Zwischenzeit auch zur Arbeit aufgebrochen war. Zwei Wochen schon dieses erbärmliche Spiel. Bist du sonst nicht so faul? Fragte das kleine Mädchen erneut. Sie ließ tatsächlich nicht locker.

Ok, ich gebe zu, dass ich mitten im Schreibfluss auch mal kurz zurückgehüpft bin und Rechtschreibfehler korrigiert habe. Doch davon abgesehen ratterten meine Finger einfach genau die Geschichte herunter, die sich da aus dem vorgegebenen ersten Satz in meinem Kopf entspann. Den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Seminar ging es ähnlich, im Anschluss an die Schreibübung lasen wir einander unsere kleinen Geschichten vor.

Einsilbige Wörter: kraftvoller und assoziativer als Wortungetüme

Die zweite für mich sehr faszinierende Übung war die Aufgabe: Schreibe einen Text, der nur aus einsilbigen Wörtern besteht. Die Idee ist klar: Wer nur schlichte, einsilbige Wörter verwendet, muss auf abstrakte Wortungetüme wie Medizinproduktebetreiberverordnung verzichten – und ein solcher Verzicht hat in puncto Lesefreundlichkeit noch keinem Text geschadet. Wörter, die nur aus einer Silbe bestehen, sind in der Regel kraftvoller und setzen im Gehirn mehr Assoziationen in Gang. Wieder hatten wir ein paar Minuten Zeit. Hier mein Ergebnis:

Die Frau sitzt an der Bar und trinkt Wein. Ein Mann kommt auf sie zu und fragt laut: Wie heißt du, Babe? Sie seufzt und schnaubt dann: Lass mich in Ruh, du Honk! Ich mag dich nicht seh’n! Er dreht sich um und ruft in den Raum: Das Weib ist zu dumm, es will nichts von mir! Selbst schuld!

Das ist zwar nicht Pulitzerpreis-verdächtig, doch es macht ungeheuren Spaß. Bei manchen klingt so ein einsilbiger Text eher nach Büttenlyrik, bei anderen eher nach Poetry Slam.

Der neue Plan: 3x pro Woche zehn Minuten rausrotzen

Ob ein- oder mehrsilbig: Wer das Rausrotzen perfektionieren möchte, sollte 3x pro Woche zehn Minuten damit verbringen. Ich habe mir das nun zumindest vorgenommen. Diese Übungen stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten: Ja, ich kann schnell einen guten Text schreiben, der das Lesen lohnt. Und dieses Vertrauen kann mit Sicherheit die eine oder andere Schreibblockade vom Tisch fegen. Deshalb: Ab sofort wird gerotzt.

Ein Gedanke zu “Erst planen, dann rausrotzen – so schreibt man schnell gute Texte”

  1. Hallo Antje,
    interessant zu lesen, dass die Art, wie ich Blogbeiträge schreibe, tatsächlich als Schreibtechnik bezeichnet wird. Inzwischen bin ich auch der Meinung, dass dieses Rausrotzen nicht nur für kurze Texte, sondern auch beim Schreiben von Büchern keine schlechte Taktik ist. Vielleicht sollte man mit dem Überarbeiten da nicht bis zum Ende warten, aber um erst einmal Text zu produzieren hilft es allemal!
    Liebe Grüße, Alex

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