Juchu, ich habe den Medienpreis der DDG in der Kategorie Online gewonnen!

Am Freitag hat mich die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) im Rahmen der Eröffnung der diesjährigen DDG-Herbsttagung in Leipzig mit ihrem diesjährigen Medienpreis ausgezeichnet. Ich hatte einen Beitrag über Sprache und Diabetes (Stichwort #LanguageMatters) eingereicht, den ich im Sommer 2019 auf meinem Blog „Süß, happy und fit“ veröffentlicht hatte – und der Text hat die Jury offenbar mehr als alle anderen Online-Einreichungen beeindruckt.

Ich selbst habe schon vor ein paar Wochen davon erfahren, dass mein Beitrag das Rennen gemacht hat, musste aber noch Stillschweigen bewahren, bis die Medienpreise tatsächlich verliehen wurden. Am Freitag Vormittag war es dann soweit: Zusammen mit den drei anderen Preisträgerinnen (Regine Hauch in der Kategorie Hörfunk, in der Kategorie Fernsehen Marco Giacopuzzi vom KiKa und in der Kategorie Print Dr. Sabine Haaß vom Diabetes Ratgeber) wurde ich auf die Bühne gebeten und erhielt meine Urkunde, ein paar Blümchen und viel Applaus.

In der entsprechenden Pressemitteilung der DDG kann man die Begründungen der Jury für ihre Auswahl nachlesen, und hier gelangt man direkt zu den jeweiligen Beiträgen. Über meinen Beitrag fand die DDG in ihrer Pressemitteilung folgende wirklich sehr schmeichelhafte Worte:

Den Preis in der Kategorie Online erhält Antje Thiel für ihren Blogbeitrag „Schluss mit negativer Sprache – warum wir auch in Deutschland eine Bewegung wie #LanguageMatters brauchen“. – „Diabetiker“ oder „Mensch mit Diabetes“?, „Compliance, Adhärenz und Therapietreue“ oder besser „gemeinsam erarbeitete Therapieziele“? Sprache kann Selbstbild und Haltung zu einer Erkrankung wie beispielsweise Diabetes beeinflussen. Sprache kann diskriminierend, stigmatisierend und verletzend sein. Sie kann Machtgefälle abbilden und Überlegenheitshaltungen offenbar machen. Antje Thiel greift in ihrem Text eine Debatte aus englischsprachigen Ländern wie Australien, Großbritannien und den USA auf. Dort wird seit einiger Zeit bereits unter dem Hashtag #LanguageMatters eine Diskussion geführt, wie man mit und über Menschen mit Diabetes sprechen kann, ohne sie herabzusetzen und zu stigmatisieren. Die Autorin macht deutlich, weshalb auch in Deutschland eine Auseinandersetzung dazu nötig ist. „Kritisiert wird eine Sprache, die Menschen mit Diabetes auf Objekte reduziert, ihnen implizit Eigenverantwortung abspricht und ihnen dadurch die Selbstwirksamkeit nimmt. Der Text ist zudem von besonderer Qualität, weil er sowohl aus der Betroffenenperspektive als auch aus Sicht eines Profis, nämlich einer Medizinjournalistin, geschrieben ist“, fasst Gallwitz die Jury-Entscheidung zusammen. Die im Blogbeitrag begründete Sprachkritik samt Verbesserungsvorschlägen kann langfristig zu einer besseren Akzeptanz der Menschen mit Diabetes beitragen und den Betroffenen den Rücken stärken. Ein herausragender Beitrag, so das Votum der Jury.

Ich freue mich aus mehreren Gründen sehr über diesen Preis. Zum einen natürlich aus schnöder Eitelkeit :-). Darüber hinaus ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld von 1.500 Euro verbunden – was vor allem deshalb sehr schön ist, weil ich für meine Blogbeiträge ja keinerlei Honorar erhalte, auch wenn sie (wie der prämierte Beitrag zu Sprache und Diabetes) manchmal ganz schön viel Arbeit machen.

Die DDG will das Thema Sprache in eine AG integrieren

Und drittens freue ich mich, weil die Auszeichnung mir Anlass zur Hoffnung gibt, dass ich mit meinem Beitrag vielleicht tatsächlich eine notwendige Debatte anstoßen könnte. In meinem Beitrag bin ich ja durchaus kritisch mit der DDG ins Gericht gegangen. Anders als einige Fachgesellschaften im englischsprachigen Raum hat die DDG nämlich bislang noch kein Positionspapier mit Empfehlungen herausgegeben, wie man mit und über Menschen mit Diabetes sprechen sollte, ohne sie zu stigmatisieren und diskriminieren. Auch auf ihren Kongressen wurde dieser Aspekt bislang noch nicht thematisiert. Doch nun signalisierte man mir in mehreren Gesprächen im Laufe des Kongresses, dass die DDG das Thema in eine ihrer Arbeitsgruppen integrieren und künftig mehr Bewusstsein für diskriminierungsfreie Sprache wecken möchte. Und das fände ich wirklich super.

Respektvolle und empathische Sprache

Es geht nicht darum, eine Art „Sprachpolizei“ zu etablieren, der jedem auf die Finger haut, der „Diabetiker“ statt „Mensch mit Diabetes“ sagt. Sondern darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welches Bild von Menschen mit Diabetes und ihrer Erkrankung durch die Wortwahl gezeichnet wird. Ist es das Bild unmündiger und nachlässiger Patienten, die selbst Schuld an ihrem bedauerlichen Schicksal sind und von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt behandelt werden, ohne bei den Therapiezielen mitreden und mitwirken zu dürfen? Oder ist es das Bild selbstbestimmter Menschen, denen man mit Respekt und Empathie begegnet, auch wenn in der Therapie mal nicht alles so läuft, wie es in den Leitlinien vorgesehen ist und wie sich das Diabetesteam es vorstellt?

Warnung vor der „Volksseuche Diabetes“

Wieviel es auf diesem Gebiet zu tun gibt, durfte ich ironischerweise nur wenige Minuten vor der Preisverleihung erleben. Da sprach nämlich der Präsident der Landesärztekammer Sachsen, Dr. Erik Bodendieck, in seinem Grußwort an die Teilnehmenden der DDG-Herbsttagung tatsächlich von der „Volksseuche Diabetes“, die es zu bekämpfen gelte. Nun ist es richtig, dass die Zahl der Diabetes-Neuerkrankungen seit Jahren steigt. Es gibt auch guten Grund, dies alarmierend zu finden. Und natürlich sollte man alles tun, um möglichst vielen Menschen das Schicksal Diabetes zu ersparen. Doch SEUCHE?

Bei Seuche denke ich an Cholera, Lepra und Aussätzige

Eine Seuche ist laut Wikipedia „in der Epidemiologie des Menschen wie auch der Veterinärmedizin eine hochansteckende – evtl. zu Siechtum führende – (virulente) Infektionskrankheit“. Diabetes aber ist keine Seuche, denn Diabetes ist nicht ansteckend. Insofern ist die Bezeichnung schon einmal sachlich schlicht falsch, und das sollte Dr. Bodendieck als Arzt auch wissen. Davon abgesehen ist der Begriff Seuche aber auch in höchstem Maße diskriminierend. Denn man denkt dann schnell an Cholera oder Lepra und an Elendsquartiere, in denen die Aussätzigen leben müssen, damit ihre hochansteckende Krankheit sich nicht weiter verbreitet. Igitt, spiel nicht mit den Schmuddelkindern. So geht Ausgrenzung, nicht Inklusion.

Ich wünsche mir wirklich, dass alle Leute, die Grußworte oder andere öffentlich vorgetragenen Texte formulieren, solche sprachlichen Verknüpfungen aus ihrem Vokabular streichen. Und genau deshalb kann ich die zentrale Forderung aus meinem Blogbeitrag nur noch einmal unterstreichen: Wir brauchen auch in Deutschland eine Bewegung wie #LanguageMatters.

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